Schlechte Schwingungen und Rettung am Alpamayo

Donnerstag, 12.07.2018

Liebe Gemeinde,

seit unser verehrter Freund Mr. Hippe zurück nach Deutschland geflogen ist, hat sich hier einiges ereignet. Also haltet euch wie immer gut fest und seid gespannt, denn dies wird hoffentlich unser spannendster Blogeintrag!

Nachdem der letzte Blogeintrag durch unseren geheimen Reporter veröffentlicht wurde, sind wir am Abend mit der gesamten Hostel-Crew auf ein Open-Air-Konzert in der Stadt und danach zu lässigen Reaggeton-Tönen in eine hiesige Disko gegangen. Es war ein langer aber lustiger Abend! Der nächste Tag wurde wieder dem Fussball gewidmet und wir standen unserem argentinischen Freund Leo bei der Niederlage seiner Nationalmannschaft bei. Am Sonntag wurde es für Caro spannend und ernst: Ihr erster Gleitschirm-Tandem-Flug!

Nachdem wir uns mit dem bolivianischen Piloten Marco, der für deinen Wettbewerb im Zuge des Bergfestivals nach Huaraz gekomen war (und den Aerothlon sogar gewonnen hat!), getroffen hatten, ging es zum hoch über Taricá und Jangas gelegenen Startplatz (zwei kleine Orte neben Huaraz). Nach einigen gescheiterten und holprigen Startversuchen unserer Vorflieger war es dann soweit: Gurt an, einige "Tanz-Übungen" für das gemeinsame Zusammenspiel in der Luft und los ging es. So war zumindest der Plan, doch leider war der Start durch die schwierigen Windverhältnisse am Hang ziemlich unvorhergesehen schleifend und aufregend (und genau davor hatte Caro am meisten Angst). Aber dann war es endlich geschafft und sie waren in der Luft. Wow, was für ein Gefühl! Allerdings hat sich Caro den typischen Gleitschirm-Schlangenlinien über verweigert, das war dann doch zu viel für das arme Mädchen  Der Flug dauerte ca. 15 Minuten, danach landeten Caro und Marco sanft wie eine Feder im kleinen Fussball-Stadion von Taricá. Herzliche Umarmung und Fotos (das musste wohl so sein), dann ging es mit dem Bus wieder zum Startplatz, um Jojo einzusammeln und noch den anderen zuzuschauen.

Tanz-Übung ;-) und los gehts unter bolivianischer Flagge :) Mit dem Gewinner des Aerothlon in der Luft

Der Tag wurde ziemlich lang, denn wir sind alle gemeinsam erst nach dem letzten Flug wieder zurück nach Huaraz gefahren. Ausgebrannt von der Sonne und mit leichten Kopfschmerzen kamen wir wieder zurück ins Hostel, wo uns schon die nächste Party erwartete: Wir hatten vor, auf das Abschlusskonzert des Bergfestivals zu gehen, wo die bekannte Quechua-Rock-Band Uchpa spielen sollte. Eigentlich waren wir mega kaputt, aber nach einem Nickerchen und etwas frischer Luft ging es wieder und wir starteten "pünktlich" 3 h später los. Trotz eisiger Kälte und Wind und leider zu kurzem Konzert von Uchpa (die Vorbands haben zu lange gespielt und Uchpa musste den Bus um 23 Uhr zurück nach Lima erwischen) war das Festival super! Einen Burger und eine Taxifahrt später waren wir dann endlich im warmen Bett :-)

Am Montag, 02.07., haben wir uns dann auf unsere nächste und bisher grösste und längste Tour vorbereitet. Wir wollten ins Santa Cruz Tal zu den Bergen Alpamayo und Quitaraju. Der Alpamayo galt lange als schönster Berg der Welt, seine Besteigung über die Südwest-Seite ist nicht so einfach: Franzosenroute - 400 Meter - ca. 70 Grad steil mit Firn und oben Eis. Aber wir wollten uns das alles mal anschauen und vor Ort entscheiden. Also packten wir Zeug und Verpflegung für 8 Tage, was die Kapazitäten unserer 60-Liter-Rucksäcke definitiv an ihre Grenzen brachte. Und uns auch, wie sich beim Tragen die nächsten Tage herausstellen sollte! Am Abend gab es im "grossen Haus" noch ein gemütliches Lagerfeuer, bei dem wir uns von den zwei Argentiniern Peque und Lucas verabschieden mussten, weil sie wieder zurück nach Hause fuhren.

Mit wenig Schlaf und wie gesagt sau schweren Rucksäcken torkelten wir am nächsten Tag um 6 Uhr morgens zum Busterminal für die Fahrt nach Caraz und von dort aus mit einem Privatauto nach Cashapampa (3.100m). Dort angekommen bekamen wir die erste Hiobsbotschaft: Am Alpamayo hatte sich vor 2 Tagen eine Lawine gelöst und hat 3 der 4 Bergsteiger, die sich im oberen Teil der Wand befanden, aus der Wand gespült und tödlich verschüttet. Die Leichen sollten heute bis nach Cashapampa gebracht werden. Wir bekamen ein mulmiges Gefühl... Noch dazu war der Parkwächter "noch nicht" da und wir wurden gebeten, zu warten, um uns ordnungsgemäss zu registrieren, damit man Bescheid wüsste wo wir seien, falls etwas passiere. Naja, so wirklich hilft das nicht, aber wir warteten geduldig eine halbe Stunde, um uns dann doch auf den Weg zu machen. Es wurde immer heisser und die Strecke für den heutigen Tag blieb gleich lang und anstrengend. Schon nach ca. 1h kam uns dann auch schon der angekündigte Rettungstrupp mit den in Säcken verpackten Leichen auf Pferden entgegen. Die Beteiligten waren alle fertig und geschafft von der anstrengenden Rückholaktion und sichtlich gezeichnet. Beim vorbeilaufen konnten wir sogar die Schuhe der Bergsteiger durch die Säcke erkennen... das mulmige Gefühl verstärkte sich zu echter Betroffenheit und entscheidenden Fragen: Was machen wir hier eigentlich? Wollen wir da wirklich noch hin? Wir haben die nächsten 6h viel darüber geredet, wie es uns damit geht und was wir machen wollen. Und haben beschlossen, dass es sich auf jeden Fall lohnt, ins (noch 2 Tage entfernte) Hochlager des Alpamayo aufzusteigen, da es dort allein schon schön ist, zu sein und zu schauen. Alles Weitere wollten wir dann im Laufe der nächsten Tage mit hoffentlich dortigen Bergführern besprechen und entscheiden. Nach "Lawinenlogik" sollte durch die heruntergebrochene Gipfelwächte (was man als Grund für die Lawine annahm) die Aufstiegsroute sicher sein.

Mittlerweile mussten wir auch erkennen, dass die meisten Touristen, die solch eine Tour unternehmen, nicht ohne Grund mit Trägern und/oder Eseln unterwegs sind, die Rucksäcke waren einfach sakrisch schwer (27-30 kg). Nachdem wir, genau wie am Dienstag, auch den Mittwoch durchmaschiert sind, waren wir endlich im Basecamp des Alpamayo angelangt (4.300m). Das Wetter war nicht ganz optimal, aber für den morgigen Aufstieg zum Hochlager (5.500m) gerade angenehm. Am Abend haben wir noch Bekanntschaft mit einer deutschen Reisegruppe und ihren deutschen und peruanischen Bergführern gemacht, die am nächsten Tag noch einen Zwischenstopp im Moränenlager einlegen wollten, für die bessere Akklimatisierung. Danach wollten sie auch ins Hochlager aufsteigen und den Alpamayo versuchen.

Start/Warten in Cashapampa fääätte Rucksäcke! 1. Schreck: kaputtes Zelt erster Zeltplatz weiter gehts am 2. Tag Hausfrauentrick gegen Hüftschmerzen xD allergische Reaktion auf Sandfly-Stiche -.- Ankunft im Basecamp des Alpamayo

Am nächsten Tag, Mittwoch, starteten wir zunächst über steiles Geröllgelände zum Moränenlager und von da aus weiter über den Gletscher und durch einen nicht einfachen Eisschlauch mit den immer noch schweren Rucksäcken zum Hochlager. Am Einstieg des kurzen Eisschlauchs dann die nächste Überraschung, die uns ziemlich mitgenommen hat: Ein Hund wartete auf die Rückkehr seiner Herrchen, zitternd im Schnee. Wir zählten 2 und 2 zusammen und vermuteten, dass der Hund den Verunglückten gehören musste... Was für ein beschissenes Gefühl, anders kann man es nicht sagen. Aber nun blieb uns nur noch der Weg nach oben, denn es war schon Nachmittag. Wir nahmen uns aber vor, bei unserer Rückkehr den Hund mit ins Basecamp zu locken, um dort ein Zuhause für ihn zu finden!

der Artesonraju begrüsst uns im Morgenlicht ... wenn das mal kein Zeichen ist! CEP-Socken in action :D auf dem Gletscher der Weg: links durch den Gletscherbruch Caro mit wartendem Hund Im Eisschlauch

Endlich im Hochlager angekommen trafen wir auf zwei ecuadorianische Bergsteiger, welche in einer wahnwitzigen Speed-Aktion in 2 Tagen von Cashapampa auf den Gipfel "gesprintet" sind. Am Gipfel waren sie um 13 Uhr Mittags, war uns angesichts der extremen Lawinensituation unverantwortlich vorkam. Aber jedem das seine! Als wir ihnen von dem Hund erzählten, war die Frau ganz gerührt, denn anscheinend gehörte er zumindest so halb zu ihnen, denn er war ihnen über den Gletscher gefolgt. Sie würden ihn wieder mit ins Tal nehmen. Wenigstens dieses Problem hatte sich für uns gelöst.

Wir richteten uns also häuslich auf dem Gletscherplateau ein und genossen die beeindruckende Aussicht ins Alpamayo-Tal, den Alpamayo (5.942m) selbst und auf den gegenüberliegenden Quitaraju (6.040m). Man konnte gut die Lawinenspur und den EInstieg zur Route erkennen, aber genauso gut die noch am Gipfelgrat hängenden Eisbalkone und Schneewächten. Um 12Uhr nachts sollte der Wecker für uns klingeln, denn wir wollten zumindest mal einsteigen und uns die Situation vor Ort anschauen. Wenn wir zu langsam vorankämen, oder es komisch sein sollte, würden wir umdrehen. Kein Berg sollte das Leben wert sein! Aber als der Wecker klingelte, hatte Jojo eine unschöne "Nacht" hinter sich. Die Höhe machte sich bei ihm stark bemerkbar und er litt unter Unwohlsein und zeitweiser Schnappatmung. Sehr ungutes Gefühl im Schlaf zu ersticken! Also haben wir unsern Gipfelsturm auf den nächstenTag verschoben. Am darauffolgenden Tag, haben wir die Sonne genossen, Wasser gekocht, gegessen und die deutsche Reisegruppe im Hochlager begrüsst. Unser Zustand hat sich den Tag über gebessert. Nachdem wir die erste Nacht allein am Hochlager waren, befanden sich nun insgesamt 16 Personen dort (die deutsche Gruppe: 3 Kunden und 2 Bergführer, eine Japanerin plus 3 einheimischen Trägern und Bergführer, 2 Slowenen und 2 deutsche: Thorsten und Wolfi (aus Marktoberdorf!). Es war eine angenehme Stimmung im Lager und wir beratschlagten uns mit den anderen Gruppen, ob und wann wir zum Gipfel aufbrechen würden. Zum Start morgen waren 3 Gruppen bereit: die Deutsche Reisegruppe, die Japanerin und wir. Die Slowenen sind wegen körperlichen Problemen abgestiegen und die "anderen" Deutschen wollten noch einen Tag für die Akklimatisierung nutzen.

im Hochlager des Alpamayo der Himmel brennt es gefriert sogar im Zeltunser Zelt vor dem mächtigen Alpamayo auf Erkundungstour (die Aufstiegsroute geht direkt über dem Lawinenkegel in Wandmitte gerade hoch) Quitaraju Aussicht ins andere Talwir kriegen Besuch es wird voll im Hochlager

In der Nacht machte sich dann jedoch nur eine Seilschaft der deutschen Reisegruppe auf den Weg, Norbert mit Bergführer Edgar. Den anderen war es zu heikel oder ging es nicht gut. Danach starteten wir und nach uns die Japanerin mit ihrem Bergführer. Nachdem wir den steilen Zustieg zum Bergschrund bewältigt hatten, ging es wirklich los. Jojo immer im Vorstieg, Caro souverän im Nachstieg. Die ersten 3 Seillängen ging es noch im schönen Trittfirn immer geradeaus nach oben, obwohl die ersten paar Zwischensicherungen nicht so einfach zu legen waren, berichtete Jojo. Mit steigenden Metern wurde die Wand immer eisiger und irgendwann befanden wir uns dort, wo die Lawine die Wand quasi "sauber geputzt" hatte und es nur noch Eis gab. Jojo fühlte sich leider zunehmend schlechter vom Magen und Caro behagte das harte Eis nicht. So beschlossen wir beide nach der 6. Seillänge (in direkter Falllinie unter der Gipfelwächte), wieder abzuseilen. Ein weiterer Grund war auch das ständig herunterfallende Eis von den vorsteigenden Seilschaften, die Brocken sausten teilweise mit lautem Surren nur knapp an unseren Helmen vorbei ud der eine oder andere erwischte uns auch schmerzhaft.

Das Abseilen gestaltete sich dann leider auch noch aufgrund unseres nur 50 Meter langen Kletterseils als etwas schwierig und wir mussten einen "Abseil-Abalakov" (eine selbstgebaute Vorrichtung mit einem Seil, um Abzuseilen) einrichten sowie einmal die fehlenden 5 Meter abkletternd überbrücken. Mit heraufziehender Dämmerung konnte man nun auch über uns die hängende Lawinengefahr (die Wächten und Eispilze) einwandfrei erkennen. Nichts wie raus hier! Wir waren überglücklich über unsere Umkehr-Entscheidung und atmeten erleichtert auf, als wir den Fuss des Berges erreicht hatten und aus der Schusslinie gehen konnten.

wir drehen um ... Abseilen in der Morgendämmerung es wird heller Blick nach oben - viele Wächten! es wird schön Weiter abseilen Caro am Bergschrund Glücklich aus der Wand!

Aber jetzt sollte der Stress erst richtig losgehen. Wieder zurück im Lager freute sich Caro auf einen süssen Coca-Tee, der mittlerweile schon die halbe Alpamayo-Wand hinauf und wieder herunter getragen wurde. Gleichzeitig unterhielten wir uns mit Thorsten und Wolfgang über die Verhältnisse am Berg und über unsere Einschätzung der Lage. Dabei rutsche die Thermoskanne neben Caro auf dem harten Schnee weg und rollte in Richtung einer grossen Spalte, die sich neben dem Lager befand. Sowohl Caro als auch Wolfgang versuchten, sie noch zu erwischen, Caro auf dem Bauch liegend und Wolfgang, indem er drauftreten wollte um sie zu bremsen. Leider war der Schnee so festgefroren, dass er das Gegenteil bewirkte und selbst ausrutschte. Wie auf einer Rutsche raste er auf die Spalte zu und war plötzlich weg! Das ganze Lager war plötzlich still und perplex mit nur einer Frage im Kopf: Wo war Wolfgang?! Doch in Sekundenschnelle lösten sich alle aus ihrer Erstarrung: Jojo packte einen Pickel, band sich in das noch dort liegende Kletterseil ein und Caro sicherte ihn bis zum Rand der Spalte. Dort schrie er in den 25 Meter tiefen Schlund nach Wolfgang, in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen. Ein lautes, verzweifeltes "help me" kam als Antwort, zusammen mit einem markerschütternden Schmerzensschrei. Am Grund der Spalte konnte Jojo Wolfgang liegen sehen, der sich jedoch aufgrund starker Schmerzen im linken Bein nicht bewegen konnte. Mittlerweile hatten sich auch die anderen Träger und Bergführer neben der Spalte eingefunden und Daniel Milla, einer der anwesenden Bergführer, koordinierte den Bau eines Flaschenzugs. Weiter oben im Lager bereitete eine andere Gruppe schon einen Platz für den Verletzten vor und sicherten Caro. So schnell wie möglich liessen wir Wolfi einen Gurt hinunter, welchen er aber nicht selbstständig anlegen konnte. Deswegen beschloss Jojo, sich in die Spalte abseilen zu lassen, um Wolfi zu helfen. In Windeseile wurde alles nötige aufgebaut, sämtliches im Lager vorhandenes Material wurde herangeschafft und verbaut. Die Spaltenbergung dauerte ca. 1,5h und barg erhebliche Komplikationen. Bei dem Versuch, Wolfi den Klettergurt anzulegen, musste Jojo feststellen, dass es fast unmöglich war, den Gurt über das verletzte Bein zu ziehen. Um ihn ein wenig anheben zu können, legte er Wolfi einen behelfsmässigen Brustgurt an. In dem Moment zogen die oberen Helfer das Seil straff und 50cm nach oben, sodass Wolfi nun komplett im Brustgurt hing. Zuerst schrie er, dass seine Arme absterben würden und kurz danach, dass er keine Luft mehr bekäme, da die Brustgurtschlinge ihm den Brustkorb zusammendrückte. Er war bereits dabei "abzudriften", als es Jojo gerade noch gelang, ihn von unten ein wenig anzuheben, ihm die Schlinge über die Arme zu ziehen und ihn somit davon zu befreien. Zumindest sass nun der Hüftgurt einigermassen, sodass ihn die Retter unter lauten Schmerzensschreien aus der Spalte herausziehen konnten. 

Zu unser aller Glück befand sich in der deutschen Reisegruppe ein Arzt (Moritz), der mit einem riesigen Medikamenten-Paket bewaffnet auf Wolfi wartete und ihm erste Hilfe zukommen liess: Eine Spritze mit starken Schmerzmitteln, Abtasten des Beines, eine Behelfsschiene anlegen, den Nacken und Kopf abtasten. Zeitgleich telefonierte einer der Bergführer über Satellitentelefon (von der deutschen Reisegruppe) mit der "casa de guías" (Bergführerbüro), um den Unfall zu melden und Hilfe anzufordern. Währenddessen baute weiter oben wieder ein Bergführer eine weitere Konstruktion auf, um Wolfi nun auf das Lagerplateau zu ziehen. Auch dieses Vorgehen war äusserst schmerzhaft für den Patienten, doch irgendwann war es endlich geschafft und wir konnten ihn mit vereinten Kräften auf eine schon vorbereitete Matte mit Schlafsack legen. Nun wurde auch Jojo endlich aus der Spalte geholt und in Sicherheit gebracht. Thorsten, Wolfis Seilpartner, versorgte ihn behelfsmässig mit warmen Jacken und Handschuhen. Moritz kümmerte sich weiter um Wolfi und gab Thorsten Instruktionen zu Medikamenten und Versorgung des Patienten. Wolfi übergab sich zum Erschrecken alller wieder und wieder, war jedoch ansprechbar und offenbar nicht im Delirium.

Irgendwann war leider klar, dass die Rettungsmannschaft nicht, wie erwartet, schon am Abend sondern erst am nächsten Morgen kommen würde. Einen Helikopter gab es nicht im Einsatz, er sei kaputt! So langsam kristallisierte sich heraus, dass wohl alle Anwesenden aus verschiedenen Gründen ins Basislager absteigen würden: Kein Benzin mehr, kein Essen mehr, Kunden denen es schlecht ginge, Reiseplan etc. In unseren Augen unterantwortlich, völlig sinnfrei und definitiv Unterlassung von Hilfeleistung. Wir bekamen noch von zwei Gruppen jeweils einen Liter Benzin geschenkt (plötzlich gab es genug???) und von wegen zu wenig Essen, denn es war erst 10 Uhr morgens! Aus unserer Sicht war genug Zeit und vor allen Dingen genug geschultes "Personal" für einen Abtransport ins Moränen- oder sogar Basislager vor Ort!

Wir teilten Thorsten mit, dass wir auf jeden Fall mit ihm im Lager bleiben würden bis Hilfe käme! Moritz, der Arzt, teilte uns dreien noch eindringlich mit, dass es sich um eine sehr ernste Verletzung handeln könnte, da er vermute, dass Wolfi sich den Oberschenkel gebrochen habe und sich dadurch eine tödliche Menge Blut im Oberschenkel ansammeln könnte. Es sei nicht gewiss, dass Wolfi eine Nacht, gerade auf dieser Höhe, heile überstehen würde. Trotzdem bauten alle Gruppen weiter ab und verschwanden nach und nach.

Glücklicherweise konnten wir nach einigem Überreden einen Bergführer dazu bewegen, uns sein Satellitentelefon zur Rettungskoordination zu überlassen. Damit rief Thorsten auf Jojos Drängen hin bei der deutschen Botschaft an, um die Möglichkeit eines Hubschraubers auszuloten. So standen wir schliesslich um ca. 11 Uhr morgens im Hochlager des Alpamayo, zu dritt mit einem Schwerverletzten! Um ihn vor Sonne und Wind zu schützen bauten wir unser Zelt auseinander und stülpten das überzelt über Wolfgang. Er erbrach sich immer noch in regelmässigen Abständen, was hoffentlich “nur” an den starken Schmerzen und Schmerzmitteln und nicht an inneren Verletzungen lag. Wir versuchten, Wolfi seine Situation (Rettung erst in 24h, keiner mehr da) schonend beizubringen und hofften inständig, dass die abgestiegenen Gruppen wenigstens Hilfe aus den unteren Lagern schicken würden. Doch die Stunden vergingen und nichts geschah. Eine sehr engagierte Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in Peru, Sarah, bemühte sich währenddessen verzweifelt, irgendwo in Peru einen Hubschrauber aufzutreiben. Sie scheiterte unzählige Male an der peruanischen Möchtegern-Bürokratie und der “Erst Zahlen, dann Helfen”-Einstellung der hiesigen Ämter!

Bald wurde es kalt und wir richteten Wolfi und uns für die kommende Nacht. Um ihn warm zu halten, gaben wir ihm noch einen unserer Schlafsäcke, Thorsten richtete sich neben ihm ein um ihn zu versorgen und wir krochen in deren Zelt, zogen alle vorhandenen Klamotten an und deckten uns mit unserem verbliebenen Schlafsack zu. Die Nacht verlief gottseidank ruhig und wurde für uns nicht so kalt wie erwartet. Wolfi ging es den Umständen entsprechend in Ordnung, er hatte zwar immer noch starke Schmerzen aber war völlig klar im Kopf und musste nicht mehr erbrechen.

Kurz nach Wolfis Rettung es wird Abend...

Um 8 Uhr morgens am nächsten Tag, also 24 Stunden nach Wolfis Spalten-Sturz, kam dann endlich ein Rettungsteam aus 8 Bergführern des AGMP (Asociación de Guías de Montaña de Perú). Das erste, was sie uns gegenüber äusserten, war ihre unbändige Wut über den Abgang der anderen Gruppen am vorherigen Tag, denn mit so vielen Leuten vor Ort wäre eine sofortige Rettung ohne Probleme möglich gewesen. Sie hatten eine Hartplastiktrage dabei und begannen sofort, alles für den Abtransport vorzubereiten. Mit vereinten Kräften räumten wir das Lager und zogen Wolfi auf den Sattel, wo er dann mit einer aufwändigen, aber sehr gut koordinierten Abseilaktion von den Bergführern Stück für Stück den Gletscher hinunter transportiert wurde. Thorsten versuchte unterdessen fast stündlich, Neuigkeiten über den Hubschrauber bei der deutschen Botschaft rauszufinden. Immerhin wurde uns nun ein eventueller Hubschrauber in Aussicht gestellt, doch genaue Informationen waren nicht zu bekommen.

Nacht gut überstanden! Endlich sind die Retter da! mit vereinten Kräften... ... auf den Sattel ... ... und den Gletscher runter Die zwei

Abseilen über die Spalte

Thorsten Im Eisschlauch jetzt ist das schwierigste geschafft neuer Stand wird gebaut wir können nicht mehr helfen und steigen bis zur Moräne ab die letzten Meter auf dem Gletscher an der Moräne

Am Gletscherrand angekommen wartete schon ein weiteres Rettungsteam, bestehend aus ca. 8 Polizisten der PNP (Policia Nacional del Perú, Región Ancash), welches die nun völlig erschöpften Bergführer ablöste und Wolfgang auf einer Alutrage auf den Schultern ins Basislager herunter trugen. Im Basislager angekommen waren alle Beteiligten erschöpft und gleichzeitig sehr froh, den Verletzten bis dortin transportiert zu haben. Wolfgang ging es einigermassen ok, seine Verletzung schien sich nicht zu verschlimmern und er konnte sogar etwas essen. Ausserdem wurde uns nun für den nächsten Tag zwischen 8 und 9 Uhr morgens der Helikopter zugesichert. Die Erleichteung war allen anzusehen! Nach einem Bierchen und endlich wieder etwas zu Essen gingen wir (wieder in getauschten Zelten) ins Bett. Caro fiel in ihren warmen trockenen Schlafsack, Jojo in seinen von der Rettung noch nassen :-(

Wolfi wird auf Schultern getragen

Abtransport über die Moräne

Abstieg ins Basislager endlich da! Das Paket ist auch angekommen ;-)

Neuer Tag, neues Glück. Püntklich um 8 Uhr hatten die Polizisten und Bergführer Wolfi zu einer Grasfläche unterhalb des Basislagers gebracht, wo wir alle auf die Ankunft des Helis warteten. Weitere Telefonate mit der deutschen Botschaft liessen uns doch schon bald wieder die Hoffnung verlieren: Es fehle ein Dokument, deswegen könne der Hubschrauber nicht abfliegen. Nach ca. 2,5h Warten und Diskutieren entschieden sich die Retter, Wolfgang wieder zu schultern und ihn schon einmal das erste Stück ins Tal herunter zu tragen, bis der Hubschrauber kommen würde. So ging es dann den ganzen Tag: Telefonat mit der Botschaft, keine neue Auskunft, Wolfgang wird weiter getragen bzw. Mit einer Schubkarrenvorrichtung gerollt, die wenigen Meter die es ging. Bergführer und Polizisten sowie teilweiseThorsten und Jojo wechselten sich immer wieder ab, sodass unser langer Tross schlussendlich um ca. 15:30 Uhr im “letzten” Zeltplatz und gleichzeitig letztmöglichen Hubschrauberlandeplatz vor Cashapampa, Llamacorral, ankamen. Kurz davor erhielt Thorsten die endgültige Entscheidung des Einsatzleiters des Militärhubschraubers durch die nette Dame der deutschen Botschaft übermittelt: Ein Hubschraubereinsatz lohne sich nun nicht mehr, da wir uns ja schon in 3h-Fussmarsch-Nähe zum nächsten Ort befänden und die Hubschrauberanfrage deswegen endgültig abgelehnt würde. Was für eine Einstellung, was für ein Land!

In Llamacorral wartete auf alle Helfer eine stärkende Mahlzeit sowie ein weiterer kleiner Ablösetrupp, welcher Wolfgang in rasanten 2,5h ohne Pause bis nach Cashapampa transportierte. Wir starteten kurz nach ihnen auch in die letzte Etappe, konnten sie aber aufgrund unserer schweren Rucksäcke, unserer lädierten Bergstiefel-Füsse und deren marathon-verdächtigem Tempo nicht mehr einholen. So trafen wir alle erst wieder in Cashapampa, wo wir nach knapp 3h in völliger Dunkelheit auch endlich ankamen. Wir hatten beschlossen, nicht in Llamacorral zu übernachten, sondern diese ganze Odysee gemeinsam zu beenden. Alles andere fühlte sich komisch für uns an…

In Cashapampa gönnten wir uns auf die schlussendlich geglückte und sehr gut durchgeführte, 3 Tage andauernde Rettung ein Bier und warteten fröhlich, aber völlig erschöpft, auf den Krankenwagen, den die ersten Retter schon gerufen hatten. Wolfi ging es “soweit ganz gut”, er hatte ja auch fast den gesamten Schmerzmittelvorrat von Thorsten und uns vertilgt ;-) Nach 2h vergeblichem Warten ging dann auch noch das Letzte schief, was schief gehen konnte, denn der Rettungswagen kam einfach nicht! Auch trotz mehrerem Nachfragen von Seiten der Bergfrührer und Versicherungen vom Krankenhaus, der Krankenwagen wäre schon längst unterwegs, geschah nichts! So beschlossen die Rettungskräfte, Wolfi mitsamt “seiner” Trage in ihren Gemeinschaftsbus zu verfrachten und dem Krankenwagen entgegenzufahren, denn es gibt nur eine Strasse nach Cashapampa und man müsse sich ja irgendwo auf dieser Strasse begegnen. So die Theorie! Doch bis vor die Tür des Krankenhauses in Huaraz gab es keine Spur des Krankenwagens. Wir alle vermuteten, dass der Pilot des Helikopters zusammen mit dem Fahrer des Krankenwagens irgendwo bei einem Besäufnis versauert sind! Endlich, Montagnacht um ca. 23 Uhr, fast 72h nach seinem Spaltensturz, war Wolfi im Krankenhaus! Was für ein Kraftakt! Thorsten blieb noch eine Zeit lang im Krankenhaus, um alle Formalitäten zu klären, wir fuhren mit den Bergführern zu ihrem Büro, wo wir unser Gepäck abholten und uns von allen verabschiedeten. Nach einem Burger mit einer riesen Portion Pommes für jeden und einem Taxi zurück ins Hostel, weil wir keinen Meter mehr laufen konnten, hatten wir riesen Glück, denn im Hostel machte uns doch tatsächlich noch Chris die Tür auf (es war schon 00:30 Uhr). Wir bekamen sogar noch ein Bett und konnten auch noch eines für Thorsten reservieren, der dann eine Stunde später auch noch zu uns gestossen ist (eigentlich wohnen sie gerade in Caraz…).

Warten auf den Heli (der nicht kommt) die Schubkarre wird beladen

Kurze Momente mit Speed

Rennen durch die Wüste Verschnaufpause tatsächlich: endlich in Cashapampa! Burger!

Die letzten Tage verbrachten wir also mit Krankenbesuchen, verarbeiten der Erlebnisse, ganz viel Essen und Wunden lecken! Ausserdem haben wir uns beim Bergsteigerbüro erkundigt, wie wir ihnen helfen können, Beschwerden zu schreiben und an die richtigen Stellen zu verteilen, denn der Chef des Büros hat gegenüber vielen Zeitungen die Wichtigkeit einer Luftrettung mehrfach wiederholt (und tut das schon seit Jahren, leider jedoch ohne Erfolg!). Wir haben durch den Rettungstrupp der Bergführer der AGMP neue Freunde und unglaublich symptische und ehrliche Menschen kennen gelernt. Wir wollen uns auch bald noch mal mit allen zusammensetzen und bei Bier und Pizza das Ganze revue-passieren lassen. Ausserdem werden wir die nächsten Tage Beschwerden an i-Peru (die peruanische Touri-Information), die Deutsche Botschaft (wegen dem fehlenden Heli, nicht aber wegen der unglaublich hilfsbereiten Dame Sarah!) und das Bergsteigerbüro schreiben, damit sie die Beschwerden an die betreffende Stelle weiterleiten können.

Die Verletzung von Wolfgang ist übrigens doch kein Oberschenkelbruch, sondern ein Oberschenkelhalsbruch sowie eine leichte Gehirnerschütterung. Glück im Unglück, lieber Freund! Derzeit wartet er auf eine OP, wobei noch nicht klar ist wann und wo sie gemacht wird. Vielleicht schafft er es ja bis zum WM-FInale ins Hostel, welches wir am Sonntag mit einem Gemeinschaftsessen mit allem vor dem Fernseher anschauen wollen ;-) Noch  ein Fun-fact: nicht nur, dass Wolfgang aus Marktoberdorf kommt und seine Freundin aus Geisenried (unserem zukünftigen Wohnort), sondern sein Vater war Jojos Deutschlehrer am Gymnasium. So klein ist die Welt!

Wir möchten uns an dieser Stelle bei beiden Gruppen für die maximal schnelle Rettung, die super Zusammenarbeit und einwandfreie Koordination der Rettung bedanken und haben den grössten Respekt vor ihrer Leistung (beide Gruppen sind die Nacht durchmaschiert und teilweise gerannt, haben nur kurz ohne Schlafsäcke oder genügend Essen ausgeruht um dann so schnell wie möglich zum Gletscher aufzusteigen). Auf der anderen Seite wollen wir unseren Unmut gegenüber den anderen Gruppen loswerden: Die deutsche Gruppe mit ihrem deutschen und peruanischen Bergführer (Alpine Welten in Kooperation mit Peru Expeditions Tours). Sie haben die Rettungsaktion sogar in ihrem Reiseblog erwähnt, jedoch anders dargesellt und natürlich mit keinem Wort ihren rechtswidrigen Abgang erwähnt: https://www.alpinewelten.com/news-reiseberichte/alpamayo-huascaran-expedition-2018

Wir fühlten uns von den abgestiegenen Gruppen im Stich gelassen und halten es sogar für eine Straftat, einen offensichtlich derart Schwerverletzten auf 5.500 Metern mit nur drei Bergsteigern ohne genügend medizinische Kenntnisse alleine zu lassen. Wir hoffen, im Zuge der weiteren Verarbeitung des Vorfalls auf eine Stellungnahme von Seiten der Organisation Alpine Welten sowie der peruanischen Organisation Peru Expeditions Tours und der anderen Bergführergesellschaft in Peru AGOEMA, zu der der peruanische Bergführer der deutschen Reisegruppe gehörte.

Die nächsten Tage werden wir Huaraz mit leichten Fels-Klettereien und Thermalbädern geniessen und unsere neuen Freunde besuchen. Vielleicht können wir die nächsten (einfacheren) Touren mit Thorsten zusammen gestalten und euch bald davon berichten.